„Willst du in der Klasse bleiben?”

Vielen Schülern und Schülerinnen fällt es schwer, sich im Unterricht an Regeln zu halten. Sie stören durch mangelndes Sozialverhalten und erschweren dadurch nicht nur den Mitschülern das Lernen, sondern auch den Lehrern und Lehrerinnen das Lehren.

Ein Lehrerteam der HS 1 Schwanenstadt stellte sich daher die Frage: Wie kann es ein Lehrer/eine Lehrerin schaffen zu unterrichten und gleichzeitig die Störattacken einzelner Schüler zu unterbinden, wenn diese auch auf Ermahnungen nicht reagieren?

Im „Trainingsraumprogramm für eigenverantwortliches Denken fanden wir die Antwort. Das Buch „Die Spielregeln im Klassenzimmer” vom Diplompsychologen Stefan Balke diente als Grundlage für unser Trainingsraummodell. Balkes Konzept wurde sowohl in Deutschland als auch in Österreich (Graz) wissenschaftlich evaluiert.

Als eine der ersten Schulen Oberösterreichs stellten wir nach zweijähriger Vorarbeit das Projekt dem Schulforum vor. Dort wurde es von den Eltern mit großer Begeisterung einstimmig angenommen und im Schuljahr 2007/08 eingeführt.

Die Ziele des Trainingsraumprogramms:
1. Der/Die lernbereite SchülerIn wird geschützt und ein entspannter, ungestörter und qualitativ guter
    Unterricht findet statt.
2. Häufig störenden SchülerInnen werden Hilfen angeboten, um ihr Sozialverhalten zu verbessern.

 

Daraus ergeben sich nach Balke folgende Regeln für die Unterrichtssituation:
         … Jeder Schüler/jede Schülerin hat das Recht ungestört zu lernen.
         … Jeder Lehrer/jede Lehrerin hat das Recht ungestört zu unterrichten.
         … Jeder muss die Rechte der andern respektieren.

Respekt und Rücksichtnahme gegenüber anderen werden durch diese Regeln gesichert. Sie wurden zu Schulbeginn den Schülern und Schülerinnen beim Monatsmeeting vorgestellt und in den einzelnen Klassen erarbeitet.

Folgendes Konzept legte Stefan Balke für den Trainingsraum fest:

  1. Wenn ein Schüler/eine Schülerin in der Klasse den Unterricht massiv stört, sodass eine Weiterführung des Unterrichts nicht möglich ist, wird er/sie von der Lehrperson ausdrücklich ermahnt und gefragt: „Willst du in der Klasse bleiben und dich ab sofort an die Regeln halten, oder willst du in den Trainingsraum gehen?”
  2. Auf diesem Weg wird das Kind dazu gebracht eine Entscheidung zu treffen und die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Wer trotz Ermahnung weiter stört, hat sich entschieden: Er/Sie wird vom Lehrer mit einem „Infozettel” in den Trainingsraum geschickt.
    Der Lehrer/die Lehrerin kann sich wieder dem Unterricht widmen und die restlichen Schüler/Schülerinnen sind nur kurzzeitig gestört worden.
  3. Im Trainingsraum wird der Schüler/die Schülerin von einer Lehrperson empfangen. Hier bekommt der Schüler/die Schülerin Gelegenheit, über sein/ihr Fehlverhalten nachzudenken. Anschließend füllt er/sie mithilfe des Trainingsraumlehrers einen Rückkehrplan aus. Der Schüler/die Schülerin beschreibt, warum er/sie die Stunde verlassen musste und was er/sie in Zukunft machen wird, um nicht wieder in den Trainingsraum geschickt zu werden. Erst wenn der Rückkehrplan zur Zufriedenheit des Trainingsraumlehrers ausgefüllt wurde, darf er wieder in die Klasse zurück und am Unterricht teilnehmen.

 

Der Trainingsraum in der Praxis:
Nach unserer bisherigen Erfahrung ist die Anzahl der Schüler, die den Trainingsraum ein zweites bzw. drittes Mal besuchen, sehr gering, bei nur ca. 1-2 % der Schüler/Schülerinnen stellt sich keine Verhaltensänderung ein.
Eine schulinterne Umfrage am Ende des 1. Semesters ergab, dass ein Großteil der Lehrer/Lehrerinnen eine Entlastung im Unterricht durch das Trainingsraumprogramm spürt. 100 % der Lehrer/Lehrerinnen sprachen sich für eine Fortführung des Konzeptes im nächsten Schuljahr aus.

Buchtipp: Balke, Stefan: Die Spielregeln im Klassenzimmer. (2003) Karoi-Verlag, Bielefeld siehe http://www.trainingsraum.de/